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Experimenten vertrauen (aus: freistil #69)

Die in Boston geborene, in New York lebende Gitarristin Mary Halvorson (Jg. 1980) ist in einer Unzahl an Ensembles aktiv. So unscheinbar sie wirkt, so markant drückt sie jeder Spielsituation ihren Stempel auf. Im freiStil-Interview gibt Halvorson u.a. Auskunft über ihre Lehrer Anthony Braxton und Joe Morris, über John Zorn, über neue Projekte, willkommene Herausforderungen und die unabhängige Arbeit mit eigenen Ideen.

 

Mary, beginnen wir das Interview mit einem aktuellen Anlass, deinem Konzert mit Ingrid Laubrock's Anti-House beim music unlimited-Festival in Wels. Wie würdest du die Besonderheit dieses Ensembles charakterisieren?

 

Ingrid Laubrock ist eine einzigartige und visionäre Komponistin, ich genieße es seit etlichen Jahren, ihre Musik zu spielen. Anti-House ist ein großartiges Projekt. Die Musik ist komplex und zugänglich zugleich, treibend und intensiv, improvisiert und unberechenbar. Wie auch immer, die spezifische Wiederholung von Anti-House, wie es in Wels auftreten wird, ist neu; es ist auf dieser Tour ein bassloses Quartett. Wir werden ganz unterschiedliche Musik aufführen. Manches davon kenne ich ansatzweise von früheren Konzerten, und das waren einige der wunderbarsten Stücke von Ingrid, die ich bis dahin gespielt habe. So gesehen, bin ich schon sehr gespannt auf die jüngste Inkarnation von Anti-House, und ich bin schon neugierig zu hören, wie alles zusammengeht.

 

Das führt uns zu einem anderen, vielleicht zentralen Thema in deiner Weise, Musik zu machen im Allgemeinen und speziell, was dein Gitarrenspiel betrifft: deinen individuellen Zugang zu beidem, zur Komposition und zur Improvisation. Magst du uns etwas darüber erzählen? Und darüber hinaus, ob deine markante Spielweise mit deinem Studium bei Anthony Braxton in Zusammenhang steht?

 

So vieles, was ich musikalisch mache, stammt direkt oder indirekt davon, was ich von Anthony Braxton gelernt habe. In Wahrheit wäre ich wahrscheinlich nie Musikerin geworden, hätte ich nicht mit ihm zu tun gehabt. Ich lernte Anthony als 17-jährige Anfängerin an der Wesleyan University, Conncecticut, kennen, an der er zu der Zeit unterrichtet hat. Obwohl ich bereits seit meinem elften Lebensjahr Gitarre gespielt hatte, kam ich nie auf den Gedanken, mein Leben und meine Karriere als Musikerin zu führen. Als ich aber Anthony begegnete, hat es mich komplett aus der Bahn geworfen, und ich fühlte, dass ich keine andere Wahl mehr hatte. Er ist ein so kraftvoller und insprierender Musiker mit einem vollkommenen musikalischen Universum. Er lehrte mich, kreativ zu denken, Risiken auf mich zu nehmen, Fehler zu machen – ganz wichtig! – weltoffen zu sein und sämtliche Arten von Musik zu studieren.

 

Ungefähr zur gleichen Zeit begann ich, Gitarrenunterricht beim großen Joe Morris zu nehmen, der sich in seinem Unterricht mit philosophisch änlichen Dingen beschäftigt hatte und der mich sehr darin unterstützt hat, meinen eigenen Ausdruck zu suchen. Rückblickend war beides für mich von Bedeutung, weil ich diese zwei starken Persönlichkeiten als Lehrer hatte, die mich in meinen Versuchen und darin unglaublich unterstützt haben, etwas anderes, unabhängiges auszuprobieren. In diesem Alter, als ich jung und leicht zu beeinflussen war, gaben diese Förderung und Aufmunterung für mich den Ausschlag dafür, meinen Experimenten zu vertrauen. Selbstverständlich habe ich auch diverse Techniken erlernt, Gehörtraining, vom Blatt spielen, alle diese fundamentalen Dinge. Es war eine wundervolle Zeit, um in alles mögliche einzutauchen, und ich bin sehr glücklich darüber.

 

Wie können wir uns beispielsweise vorstellen, was Braxton dich über musikalische Strukturen gelehrt hat? Oder hast du ganz andere Dinge von ihm gelernt, wenn man bedenkt, dass du in zahlreiche Ensembles von Anthony Braxton involviert warst und bist?

 

Braxtons Musik lernte man häufig während des Spielens. Ich war in jedem Semester Teil seines großes Ensembles an der Wesleyan, und jede Woche versenkten wir uns in unterschiedliche Kompositionen von ihm. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich anfangs nicht die geringste Idee davon hatte, was da passiert. Ich konnte mir auch auf seine Erklärungen kaum einen Reim machen. Die Musik war so neu für mich, so vielschichtig in ihren Konzepten, Klängen, Ideen, in allem. Ich nahm die Musik also mit nach Hause, um sie mühevoll zu studieren, die Noten und Rhythmen zu erarbeiten, und ich las sogar Auszüge aus Anthonys Tri-Axium-Schriften, um diese Konzepte zu begreifen. Aber tatsächlich war die Mitwirkung in seinen Ensembles – während des Colleges und auch danach – für mich der beste Weg, mit seiner Sprache vertraut zu werden und seine Logik zu erahnen. Es war wirklich so, wie man eine Sprache lernt. Für meine eigene Musik benützte ich ganz gewiss Anthonys musikalische Strukturen als Inspiration, aber ich habe nie versucht, sie eins zu eins zu imitieren. Das war ihm auch völlig klar, dass ich primär mit meinen eigenen Ideen arbeiten sollte.

 

Neben deinem langjährigen Trio mit John Hébert und Ches Smith spielst du noch in unzähligen anderen Gruppierungen. Wie organisierst du das alles? Machst du den ganzen Tag lang ausschließlich Musik? Oder ist das sowieso unerlässlich, um von der Musik leben zu können, speziell an einem Ort wie New York?

 

Ja, ich spiele wirklich in vielen Bands. Hauptsächlich deswegen, weil ich es mag und genieße. Es geht darum, wie ich mein Leben führen will, und auch darum, als Musikerin weiter zu wachsen: beim Spielen in verschiedensten Situationen und bei der Begegnung mit neuen Herausforderungen, Konzepten und Ideen. Ich bin überzeugt davon, dass ich mit der Community von Musikern und Musikerinnen wachse, mit denen ich zu tun habe. Jede/r von ihnen inspiriert mich auf ihre eigene Weise. Und obwohl ich in vielen Gruppen arbeite, ist es wahrscheinlich nicht so verrückt, wie es klingt, weil nicht jede von ihnen die ganze Zeit arbeitet. Manche davon treten nur ein- oder zweimal im Jahr auf. Aber es ist sicherlich eine Frage der Balance, weil ich dazwischen auch Zeit für eigene Kompositionen, zum Üben und zum Nachdenken über eigene Bands finden muss. Sobald ich den Punkt erreicht habe, an dem ich finde, ich habe zuwenig Zeit zum Komponieren und zum Üben, versuche ich, einen Schritt zurück zu machen und meinen Terminplan zu bereinigen, um Prioritäten setzen zu können. Erst neulich hatte ich das Gefühl, mich besser fokussieren zu wollen.

 

Apropos New York. Im August hast du eine ganze Woche in John Zorns Club The Stone kuratiert. Was waren deine Erfahrungen dort, und nach welchen Kriterien hast du das Programm zusammengestellt?

 

Es ist ein großartiger Club, ein echter Hörraum. Ich bin hier immer schon besonders gern aufgetreten, seit ich erstmals 2007 kuratieren durfte. Für diese eine Woche Aufenthalt empfiehlt es sich, sie wie eine Retrospektive anzulegen, Gruppen zu beleuchten, mit denen man über die Jahre partizipiert hat, inklusive aktueller Projekte. Ich wollte während meiner Woche die Gitarre hochleben lassen, also trat ich mit mehreren Gitarristen auf, wie Joe Morris, Nels Cline, Susan Alcorn oder Brandon Seabrook. Daneben präsentierte ich diverse Kollektive, deren Teil ich die vergangenen Jahre war, wie Thumbscrew, Sifter und Secret Keeper, aber auch Duos mit Robbie Lee und mit Weasel Walter – und an einem Abend stellte ich mein jüngstes Projekt vor, das Mary Halvorson Octet. Die Gelegenheit zu bekommen, so viele unterschiedliche Musiken in einer kurzen Zeitspanne vorstellen zu können, ist großartig und immer eine intensive und befriedigende Erfahrung.

 

Du hast dort auch Bagatelles von John Zorn interpretiert. Was kann man sich darunter vorstellen, und wie würdest du dein Verhältnis zu Zorn und seiner Musik bewerten?

 

Ich war immer schon ein großer Fan von John Zorn und habe seine Musik seit meiner Zeit am College gehört. Bislang hatte ich jedoch nie die Gelegenheit, seine Musik aufzuführen; bis er mich voriges Jahr ersuchte, eine Band für seine Bagatelles zusammenzustellen. Es war eine unglaubliche Erfahrung … eines der spannendsten Projekte, an denen ich seit langer Zeit teilnahm. Ursprünglich bekam ich die Chance, das ganze Buch der Bagatellen zu lesen – John schrieb innerhalb von drei Monaten 300 Stücke! – und suchte davon acht bis zehn für den Auftritt mit meiner Band aus, mit Miles Okazaki an der Gitarre, Drew Gress am Bass und Tomas Fujiwara am Schlagzeug. Jedes Stück hat seinen eigenen Charakter, dennoch sind sie alle Teile eines größeren Ganzen, das macht es so brillant. Die Bagatellen haben einen ganz klaren, distinktiven Sound. Es war eine wunderbare Erfahrung, mit der Band und mit John die Stücke zu erarbeiten und zu versuchen, die besten Arrangements dafür auszuprobieren. Ich habe eine Menge dabei gelernt. Die Musik ist extrem intensiv und energiegeladen, treibend und originell. Es ist wirklich insprierend zu beobachten, wie John sich der Musik annähert. Er ist einer der profiliertesten Musiker, die ich kenne, und seine Vision ist völlig klar. Es war auch aufregend, wie andere Bands die Bagatellen interpretieren, und zu sehen, wie unterschiedlich sich jedes Ensemble ihnen annähert.

 

Als ein guter Freund von mir unlängst in Boston war, traf er dort auf einen Bettler, der ein Schild umgehängt hat, auf dem stand „Give me a Dollar or I vote for Trump!“. Willst du zu diesem Thema etwas sagen?

 

Die Situation mit Trump ist eine totale Schande. Es ist schwer zu glauben, dass er es als Kandidat so weit gebracht hat. Ich bin entsetzt darüber, was gerade passiert und kann nur hoffen, dass er am 8. November nicht gewinnen wird. Ich will über die katastrophalen Konsequenzen einer Trump-Präsidentschaft gar nicht erst nachdenken. Gefühlsmäßig wird er nicht gewinnen, andererseits kann man es nie wissen.

 

Anderes Thema: Halvorson klingt skandinavisch. Hast du Vorfahren in einem nordeuropäischen Land?

 

Ja, in mir fließt tatsächlich eine Menge skandinavisches Blut. Beide Elternteile meiner Mutter sind schwedischer und der Vater meines Vaters norwegischer Herkunft. Halvorson ist Norwegisch. Ich war sehr glücklich über ein paar Konzertreisen in diese Länder, aber es ist eine Gegend, die ich gern noch besser erforschen möchte, wenn ich die Gelegenheit dazu kriege.

 

Mary, magst du uns abschließend einige deiner Pläne in der nächsten Zukunft verraten? Sind darunter spezielle Ereignisse, die dir außerordentlich wichtig sind?

 

Am 28. Oktober erscheint auf Firehouse Records mein erstes Octet-Album, featuring Jonathan Finlayson (Trompete), Jon Irabagon (Altsaxofon), Ingrid Laubrock (Tenorsaxofon), Jacob Garchik (Posaune), Susan Alcorn (Pedal Steel Gitarre), John Hébert (Bass) und Ches Smith (Drums). Ich arbeite an diesem Bandprojekt seit einigen Jahren und während des Schreibprozesses besonders nahe zusammen mit Susan, um mehr über die Pedal Steel Gitarre zu lernen, herauszufinden, wie ich am besten für dieses Instrument komponiere und wie es in den bestehenden Bandsound zu integrieren ist. Wir spielen ein paar Octet-Konzerte rund um den Erscheinungstermin in New York. Im Dezember werden wir eine Platte mit meinem neuesten Projekt aufnehmen, Code Girl, mit Amirtha Kidambi (Gesang), Ambrose Akinmusire (Trompete), Michael Formanek (Bass) und Tomas Fujiwara (Drums). Ich habe das vergangene Jahr damit verbracht, Texte zu schreiben und sie in meine Musik einzubauen, was für mich eine völlig neue und herausfordernde Situation bedeutete. Dieses Projekt gibt meiner Musik eine ziemlich andere Richtung, und ich bin schon sehr gespannt auf die Aufnahmen und weitere Aktivitäten mit dieser Band.

 

Interview: Andreas Fellinger in freiStil #69, Nov/Dez 2016

 

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